"Cantus Paganus" von Corona Borealis hat nunmehr schon stolze 11 Jahre auf dem Buckel und zudem auf den ersten Blick genauso wenig mit Metal zu tun, wie Karl Sanders' (Nile) Soloprojekte "Saurian Meditation" und "Saurian Exorcism" oder die Musik, der sich Kevin Moore (ex Dream Theater) mit Chroma Key widmet.

Auf "Cantus Paganus" dominieren mittelalterliche Klänge, mal lautstärker, wie beim Titeltrack, mal ruhiger, wie bei "Rencontre à St. Chartier". Mal träumerisch, mal zum Tanzen einladend entführen einen die Klänge von Corona Borealis definitiv in eine dem Metal unendlich weit entfernte Welt; jenseits des kleinsten Einsatzes von Strom.

Abgesehen davon, dass diese Platte für Kenner der mittelalterlichen Musik immer noch aus dem Großteil genregleicher Outputs hervorsticht, gibt es eine weitere Besonderheit zu vermerken: Initiator und maßgebliches Bandmitglied ist Ronny Hovland a.k.a. Ares von Aeternus. Und letztere haben ja nun mit Mittelalter so wenig zu tun wie McDonalds mit gesunder Ernährung. Kenner der Band könnten einwenden, dass "The Sunset's Glory", der Schlusstrack des 2003er "Shadows Of Old" mit einem Dudelsack aufwartet. Aber das ist dann sozusagen nur das Salatblatt im billigfleischgetränkten Burger. Als gesund kann man ihn deswegen noch lange nicht bezeichnen.

Warum, zum Henker, sich also mit solchen Seitenprojekten bekannter Musiker befassen, wie es Corona Borealis (übrigens der Name eines Sternbilds nördlich des Himmelsäquators) eines ist? Weil es zeigt, was diese Musiker umtreibt, was jenseits des Metals ihren Geist beeinflusst und – zumindest unterbewusst – wiederum Eingang in ihre Metalmusik findet. Der Einschlag exotischer Instrumente und Harmonien, gar ganzer Mythologien, muss ja nicht immer gleich so augenscheinlich sein wie bei Nile. Manchmal sind es nur kleine Melodiefetzen, Percussioneinsätze oder Gesangslinien. Und dann fragt man sich: woher kommt diese coole Idee? Ganz einfach daher, weil nicht alle Metalheads immer nur stur Iron Maiden oder Cannibal Corpse als ihre Haupteinflüsse bezeichnen. Wo stünden wir, würde sich aller Metal nur aus diesen drei oder vier der bekanntesten Bands aller Zeiten generieren? Wahrscheinlich steckten wir für immer im Zeitalter des Klon Metals fest.

"Cantus Paganus" bietet daher für sich genommen nichts Neues, doch offenen Zeitgeistern gibt es die Möglichkeit, den umtriebigen und vielgestaltigen Geist eines Musikers zu entdecken. Die klanglichen Puzzlestücke seines Schaffens zusammenzusetzen. Denn deren Summe ist oft mehr als ihre Teile. Der offene Zeitgeist wendet sich nicht voller Abscheu vom Percussion- oder Gitarrenspiel Ronny Hovlands ab, bloß weil es nichts mit Metalrhythmen zu tun hat oder jeglicher Elektronik entbehrt. Nein, er entdeckt in den genialen Interpretation bekannter Stücke wie "Tourdion", "Tristans Lament", "La Rotta" oder "Stella Splendens" die eigene Wahrheit von Musik. Ihre Schönheit.

Kann er. Muss er aber nicht. Es gibt ja immer noch die Möglichkeit, sich als Hardliner zu verstehen und das alles als Quatsch abzutun, was mindestens genauso wahr wäre.

Corona Borealis · Cantus Paganus · 1999

Redaktion

verfasst von ewonwrath
vom 19.04.2010

keine / 10

Playlist

01 - Cantus Paganus (N'aven Tan Dansa)
02 - Tourdion
03 - Bordeaux
04 - Rencontre À St. Chartier
05 - Morning Song
06 - Molendinar
07 - Tristans Lament
08 - La Rotta
09 - Non Puesc Sofrir Qua La Dolor
10 - Ouvrez Moi La Porte
11 - Chaconetta Tedescha
12 - The Pretty Harvestress
13 - Bay Of Douarnenez
14 - Stella Splendens
15 - Tir Na N'og
16 - Bjørgvindans