Aus Norwegen kommen sie also, aus Notodden, der Heimatstadt von Bands wie Emperor, Zyklon, Ihsahn und Peccatum. Da denkt man doch erstmal, es müsse sich bei "Tall Poppy Syndrome" um astreinen Black Metal handeln. Aber weit gefehlt! Was die fünf Jungs von Leprous hier bieten, erinnert beim ersten Höreindruck stark an etwas frühere Opeth-Alben.

Vor allem der im Midtempo daherkommende Opener "Passing" mit seinen bratenden Gitarren, der tollen Rhythmusarbeit, dem abwechselnd cleanen, schreienden und grunzenden Gesang kann da mithalten. Ein gelungener, sehr dynamischer Song, der sofort im Gehör hängen bleibt. "Phantom Pain" hingegen überzeugt mich nicht recht. Vom viel zu fragilen Gesang Einar Solbergs eingeleitet, gleitet er in fast als Power Metal zu bezeichnende Gefilde ab, fängt sich dann aber doch noch mit etwas härteren, guten Riffs, die wiederum von einem etwas dudelnden Synthi sabotiert werden.

Mit "Dare You" folgt ein treibendes Stück, das jedoch zu Beginn und zum Schluss durch zu simpel geratene Schlagzeugarbeit eher rockig als metallisch wirkt. Im Mittelteil wird ein wenig rhythmisch und klanglich experimentiert, was den Track ungemein aufwertet. "Fate" scheitert ein weiteres Mal am unausgereiften Gesang von Einar Solberg, der a) nicht versuchen sollte, betont gefühlvoll zu singen und es b) besser vermeidet, sein nach oben hin nicht unendlich offenes Oktavenspektrum auszureizen. Das schmerzt einfach nur.

Orchestral und leicht pathetisch kommt "He Will Kill Again" daher, das erst mit einem ab Minute sechs einsetzenden, von Funk beeinflussten Schlussteil glänzen kann. Zu wenig, um den Song noch zu retten. Düster rasend hingegen beginnt "Not Even A Name", um kurz darauf in einen spartanischen, progressiven Zwischenteil überzugleiten. Der Refrain an sich ist wirklich gut, wird jedoch durch die wenig eigenständige Sangesart Einar Solbergs erneut gemindert. Trotzdem zählt das fast neunminütige Stück zu den stärkeren der Platte. Hier können Leprous zeigen, dass Schweden (respektive Opeth) in sichtweite ist. Zumindest mit einem guten Fernglas.

Der Titeltrack "Tall Poppy Syndrome" und der Rausschmeißer "White" entfernen sich nicht allzu weit vom Stil der anderen Songs, so dass das Fazit nur lauten kann: Auf dem nächsten Langspieler sollten sich weniger direkte Anleihen an King Crimson und Co. finden, Einar Solberg muss vertraglich gezwungen werden, Power Metal aus seinem Gesangsrepertoir zu streichen. Dazu noch ein etwas metallischeres Gewand und - das Folgende ist durchaus nicht abwertend gemeint - fertig ist die norwegische Braut von Opeth.

Leprous · Tall Poppy Syndrome · 2009

Redaktion

verfasst von ewonwrath
vom 23.06.2009

7 / 10

Playlist

01 - Passing
02 - Phantom Pain
03 - Dare You
04 - Fate
05 - He Will Kill Again
06 - Not Even A Name
07 - Tall Poppy Syndrome
08 - White