Wie die Zufahrt zur eigenen Beerdigung: So wirkte der kreuzgeschmückte Weg zum In Flammen Open Air 2017. Dieser Eindruck hatte durchaus seine Berechtigung, schließlich sollte man in den nächsten 3 Tagen dank gnadenloser Sonne und des ein oder anderen Kaltgetränks sein Gehirn zu Grabe tragen, um sich am Sonntag aus seiner eigenen Asche wieder zu erheben. Doch bevor es soweit war, galt es 3 Tage voll brutaler Musik zu überstehen.



DONNERSTAG

Bloody Vengeance
Bloody Vengeance

Der Blick über den Zeltplatz bestätigte, was man bereits vorher vermutete: Das In Flammen konnte ordentlich an Besuchern zulegen. Dennoch reichte das Zelt am Donnerstag noch aus, um jedem Interessierten einen guten Platz vor der Bühne bieten zu können. Zur Eröffnung durften Bloody Vengeance mit ihrem brutalem Black/Death/Thrash-Gemisch schon mal für lockere Nacken sorgen, bevor mit Sear Bliss ein Band die Bühne betrat, die man in Deutschland eher selten zu Gesicht bekommt.

Seit 1993 sind die Ungarn unterwegs und trotz interessanter Instrumentierung nie wirklich dem Untergrund entkommen. Der atmosphärische Black Metal überzeugte zweifellos mit fettem Sound und spannenden, von der Trompete getragenen Melodien. So war weitum zustimmendes Kopfschütteln zu vernehmen. Sear Bliss bleiben aber trotzdem ein Band, die sicher nichts für jeden ist.


Suicidal Angels

Bei Suicidal Angels darf man sich dagegen einig sein, dass hier wohl die bekannteste Thrash-Band des Festivals auf der Bühne stand. Die Griechen haben sich in den letzten Jahren eine beachtliche Fanbase erspielt, wovon auch der erste amtliche Moshpit des Wochenendes zeugte. Nach 20 Minuten hat man dann aber alles gehört, was die Thrasher zu bieten haben, wobei es sich schon dabei immer um den gleichen Song gehandelt haben könnte. Aber wen interessiert das schon, wenn man bei treibenden Takten im Gerangel die Schulter seines Nebenmannes anvisiert.

Holy Moses
Holy Moses

Holy Moses beackern zwar schon seit 1980 die Bühnen der Republik, dürften aber im Osten auf keine große Fanbase zurückgreifen. Heute abend sollten allerdings nicht wenige neue Fans dazu gekommen sein. In der Nachbesprechung des Abends war von einigen Anwesenden zu vernehmen, dass man die Death/Thrasher eigentlich eher scheisse finden wollte, im Laufe des Auftritts aber einfach so mitgerissenen wurde, dass man am Ende sagen muss: Holy Moses haben einfach Spaß gemacht und es geschafft, ihre Spielfreude auf das Publikum zu übertragen.

Fast schon traditionell beendete Weltenbrand den ersten Abend, der bereits eine gute Rundschau über die verschiedenen Genres des Wochenendes lieferte und grob geschätzt heute schon so viele Leute versammelte, wie sich letztes Jahr zum großen Finale am Samstag eingefunden hatten.


Weltenbrand

FREITAG

Wie zu erwarten, bot der Freitag auf der Hauptbühne zuerst harten Death bis Grind, wobei die ostdeutschen Urgesteine von Macbeth umklammert wurden von Meatknife, Armada, Beheaded und Sinister. Alles hartes Gerödel, das zumindest bei mir auf wenig fruchtbaren Boden fiel. Da überzeugte mich der blitzschnelle Thrash im Zelt schon eher, der mit Insanity Alert schließlich den absoluten Höhepunkt fand.


Insanity Alert

Wer die Metal Punks aus Österreich bisher nicht auf dem Schirm hatte, sollte dies schleunigst ändern und bei der nächsten Live-Show auf jeden Fall einen Blick riskieren. Selten war ein Bandname so sehr Programm, denn was hier 40 Minuten lang passierte, ist mit “verrückt” nur unzureichend beschrieben. Glitterkanonen an, Hummer-Handschuhe übergestülpt und mit der Zwangsjacke in den Pit: Insanity Alert konnte an diesem Wochenende in Sachen Spielfreude und Bühnenshow niemand das Wasser reichen. Davon zeugte auch ein Moshpit voller wahnsinniger, der gnadenloser und unterhaltsamer war als der traditionelle Samstags-Grind-Mosh vor der Hauptbühne. Und nebenbei wurde wohl auch die wichtigste Frage des Wochenendes gestellt: “Why is David Guetta still alive?”


Ghoul

Nach diesem Rundumschlag wurde auf der Hauptbühne gleich die nächste große Show aufgefahren: Ghoul hatten eine prall gefüllte Kiste voller Kostüme dabei, was helfen sollte, dem doch recht belanglosen Death/Grind der Amis etwas mehr Spannung zu verleihen. Der aufgeführte Kampf während den Songs zwischen Voodoo-Priestern, Nazi-Schergen und einem Punkrock-Ungetüm (?) gestaltete die Show zwar kurzweilig, für eine qualifizierte Bewertung des Dargebotenen verlasse ich mich jedoch auf die Meinung des Theater-Experten Prüwer vom Kreuzer, dem das triviale Figurentheater nur ein müdes Gähnen hervorlocken konnte.

The Great Cold
The Great Cold

Dann doch lieber beim unaufgeregten Post Black Metal von The Great Cold ein bisschen runterfahren. Vier Typen, keine Show, kein Gesang: Die Metal-Welt kann so einfach sein. Sicherlich hätte man danach noch bei den Party-GranatenSkanners vorbeischauen können, nach diesem dicken atmosphärischen Brocken war aber eine Pause dringend nötig, was man absolut als Kompliment verstehen muss.

Absu
Absu

Absu standen bei mir ganz oben auf der Liste, ist doch die Truppe um “Sir Proscriptor McGovern“ (bester Name ever) ein Garant für etwas abwegigen Hochgeschwindigkeits-Black-Metal der okkulten Sorte. 10 Jahre ist es bestimmt schon her, als ich die Jungs das letzte Mal live sehen durfte. Damals war Proscriptor in seiner Doppelfunktion als Drummer und Sänger noch ungeschlagen.

Auch heute kann das Trio durchaus noch überzeugen, obwohl Proscriptor deutlich an Geschwindigkeit und Sangeskraft eingebüßt hat. Der Mann wird halt auch nicht jünger. Neue Fans haben die Texaner somit heute wahrscheinlich nicht gewonnen, was ihnen nach 25 Jahren Bandbestehen aber auch egal sein kann.


Batushka

Ganz frisch auf den Bühnen der Welt sind dagegen Batushka unterwegs. Der um die Insignien der osteuropäischen orthodoxen Kirche erweiterte Black Metal geht gerade nicht nur in der Metalpresse richtig steil. So versammelte sich hier die größte Menschenmenge des Wochenendes vor der Hauptbühne, um zumindest mal einen Blick auf die geheimnisvollen Black Metaller zu werfen. Mit Kirchenaltar, Chor und Mönchsgewändern gaben die Polen definitiv ein stimmungsvolles Bühnenbild ab und trugen ihr erstes Album “Litourgiya” anständig vor. Dennoch war sich die Runde in der Nachbesprechung sicher, dass es von den Jungs wohl keiner als Vorsänger in den Kirchenchor geschafft hätte. Vielleicht haben sich die Kuttenträger auch deswegen zur Black Metal Band zusammengeschlossen?

Tatsächlich ist nicht so richtig ersichtlich, wo hier mit der christlichen Religion gebrochen wird. Zu kritikfrei werden die Insignien der Volksverdummungsmaschine übernommen und um die nach außen hörbaren Elemente des Black Metal erweitert. Letztendlich könnten hier auch Advokaten des Katholizismus auf der Bühne stehen, man würde den Unterschied nicht merken. Ob der Hype gerechtfertigt ist, bleibt für mich nach diesem sicherlich tadelosen Auftritt weiter unklar.


Nifelheim

Nifelheim dagegen sind Worte wie “Hype” fremd. “Stahl” und “Leder” dagegen Standardvokabeln. Als konstanter Party.San-Gänger habe ich die schwedischen Black/Thrash-Zwillinge öfter gesehen als es für mich nötig gewesen wäre. Wer allerdings so eine Party veranstaltet und sich trotz Rockstar-Image so sympathisch und fannah gibt, darf berechtigterweise immer wieder auf die Bühnen dieser Republik. Zwar fehlte heute der nietenbesetzte Wrestling-Gürtel, weil den Schweden auf der Reise der Accessoire-Koffer abhanden gekommen war. Freundliche Spenden des Publikums ermöglichten letztlich aber doch ein angemessenes Herausputzen: Geschichten, die das In Flammen schreibt. Und wer jetzt noch stehen konnte, dem verpasste die Todesmaschine Krisiun den Rest.

SAMSTAG

Frisch aus dem Bett geschält begann der Tag mit einer traurigen Botschaft. Ein Todesfall verhinderte den Auftritt von Serrabulho. Veranstalter Thomas begab sich noch auf die Suche nach einem kurzfristigen Ersatz, verzichtete dann aber doch darauf, was in Anbetracht der Tatsache wohl auch die respektvollere Entscheidung war. So traf man sich als erstes an diesem Tag vor der Bühne zum traditionellen, gemeinsamen Kuchenessen und ließ schließlich Nashmeh im Zelt den Samstag eröffnen.


Nashmeh

Als vielleicht exotischste Band des Tages, arbeitet sich die iranische Black Metal Band im Gegensatz zu ihren europäischen Vorbildern mehr am Islam als am Christentum ab. Allerdings bekam auch unsere Volksreligion ihr Fett weg, denn Nashmeh hatte 2 Damen auf der Bühne, die im Verlaufe der Show genüßlich die Seiten von Bibel und Koran verspeisten. Auch musikalisch präsentierte sich das Duo mit Gitarre, Schlagzeug und Akkordeon durchaus exotisch. Herzzerreißende Schreie rundeten diese außergewöhnliche Mischung ab und entließen mich mit dem Wunsch, hier auf jeden Fall nochmal zuhause nachzuhören.

Morast
Morast

Auf der Hauptbühne lieferten derweil 5 Stabbed 4 Corpses den Soundtrack zum gepflegten Ausrasten. Ein paar Minuten gab ich mir das bunte Treiben, bevor es galt, einen Blick bei Morast zu riskieren. Das Quartett bot angeschwärzten Doom Metal, der durchaus seinen Reiz hat, mir aber in seiner schleppenden Düsterkeit heute einfach etwas zu früh kam. Fetter Sound und die drückende Stimmung dürften jedoch so manchen vereinnahmt haben. Ich blieb schließlich auch bis zum Schluss vor der Bühne stehen.


Im Anschluss pendelte ich ein bißchen zwischen den Bühnen, sah 20 Minuten von Profanity, stattete den wieder einmal vertretenen Gateway to Selfdestruction einen Besuch ab, an deren Aufritt es mal wieder nichts zu meckern gab und versuchte im Anschluss nachzuvollziehen, warum man ständig Leute mit Blood-Merchandise sieht. Das gelang mir leider nicht…


Disbelief

Was mir aber wieder einmal gelang, war das komplette Aufgehen in einem Disbelief-Gig. Die Truppe um Frontmann Jagger machte es einem aber auch wieder einfach: Perfekter Sound und eine perfekte Songauswahl, die neben 2 Songs vom neuen Album im Prinzip ein Best-of bot. Mehr braucht es halt auch nicht. Keine Gimmicks, keine große Show, nur 5 Metaller und ihre Leidenschaft für die Musik. Disbelief bleiben definitiv eine Macht und vielleicht das beste, was der deutsche Death Metal zu bieten hat. MISERY!


Ultha

Bevor Ultha für mich das Tageshighlight im Zelt darstellen sollten, war Zeit für eine Pause, in der im Camp hitzig darüber diskutiert wurde, wie schlecht eigentlich der gerade zu hörende Klargesang von Mourning Beloveth war. Versöhnlich würde ich mal sagen: Geschmackssache. Ultha sollten dagegen jeden Fan von atmosphärischem Black Metal zusagen. Normalerweise in rotes Licht und Nebel gehüllt, funktionierte das Set auch am hellichten Tag perfekt. Wahrscheinlich könnte der 5er auch in Badehose und lustigen Hüten spielen, nach 10 Minuten wäre man trotzdem in der traurig-wütenden Stimmung gefangen.

Der einzige Grund hier nicht bis zum Schluss zu bleiben, war die Verlockung, Alfahanne bei ihrem ersten Deutschland-Auftritt zu sehen. Leider war der simple Deathrock (?) so gar nicht meins. Keine Höhepunkte in den Songs und schwacher Gesang. Vielleicht hat Niklas Quarforth den Jungs einen Bekanntheits-Schub gegeben, hier und heute rechtfertigten sie allerdings keinerlei Hype.


Vallenfyre

Fleshgod Apocalypse liefern dagegen jedesmal ab und haben mit dem barockesken, fast schon technischem Death Metal ihre Nische gefunden. Meine Baustelle waren aber eher die darauf folgenden Vallenfyre, eine Death/Crustige Ausgründung aus Paradise Lost. Leider hatte Frontmann Greg den ganzen Auftritt mit seinem In-Ear-Monitoring zu kämpfen, was mich darüber nachdenken ließ, wozu man das beim Growlen überhaupt braucht. Aber anscheinend war der Sound auf der Bühne genau so matschig wie davor, was den guten Gesamteindruck etwas trübte.


Memoriam

An Memoriam gab es dagegen nichts auszusetzen. Was auf dem Roadburn in diesem Jahr noch etwas altbacken daher kam, entfaltete hier schon fast den Charm eines Clubkonzertes. Karl Willetts scherzte mit Band und Publikum und grinste während des gesamten Auftritts über beide Ohren. In den Zwischenansagen ging es zwar oft um Tod und Verlust, selten hat man sich aber so wohl dabei gefühlt. Als würde einem der Opa zum Troste in den Arm nehmen, gut zureden und dabei Death Metal laufen lassen. Natürlich durften in dem Set auch ein paar klassische Bolt Thrower-Songs nicht fehlen. Dank ausgezeichnetem Sound gab es nichts zu meckern und Memoriam entpuppten sich als absolutes Highlight des Wochenendes, was ich so nicht erwartet hatte.

Ebenfalls nicht zu erwarten: Marduk machen einen zügigen Soundcheck und haben guten Sound. Die wohl überschätzteste Black Metal Band der zweiten Welle durfte heute den Rausschmeisser geben und tat dies in üblicher Marduk-Manier: High Speed Geballer, wenig Licht und coole Posen. Für mich das Signal zum Aufbruch gen Heimat...

Das In Flammen hatte sich mal wieder als ausgezeichnet organisiertes Festival erwiesen, dem der deutliche Besucherzuwachs keinen Abbruch tat. Im Gegenteil verschafft das hoffentlich dem Veranstalter finanziell etwas Luft zum Atmen und die Möglichkeit, im nächsten Jahr wieder das ein oder andere Risiko im Billing einzugehen und damit wie so oft positiv zu überraschen. Mich würde abschließend nur interessieren, wie lange es gedauert hat, den Glitter vom Insanity Alert-Finale aus der Wiese zu pulen.